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STERNFLÜSTERN
2003 20:30 5.1
       
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[...] Für einen Augenblick ziehe ich den Schal vom Kinn herunter und atme aus. Da ist es! Ich kann es kaum " glauben. Das "sibirische Sternflüstern"! Im Nu verwandelt sich mein ausgeatmeter Wasserdampf in kleinste Eiskristalle, gefriert als Wolke vor meinem Mund in einem rauschenden Knistern. Ich sehe augenblicklich auf das Thermometer: -56 Grad. Mit einem Male ist es soweit, nicht ein Grad früher. Ich höre meinen eigenen Atem! Die Temperatur sinkt und sinkt: -57°C ... -58°C ... -59°C .... Ich merke hier ist nichts tot, erstarrt in ewiger Kälte. Ich stehe einsam am Ende der Welt, aber irgend etwas lebt um mich herum. Ich spüre, wie die Gewalt des Antizyklon über mir arbeitet, einer Säule gleich dringt aus des Weltalls Richtung die Kalte tiefer und tiefer; in feinen Wellen fließen an gering bewaldeten, ein Kilometer hohen Gebirgshängen, Ströme arktischer Luft herunter, auf Oimjakon zu, direkt zu mir. Das Sternflüstern wird geräuschvoller und lauter. Ich ver-suche eine Melodie. Der Ton bleibt gleich, die Wolke des Atems aber nimmt ungeahnte Dimensionen an. Ich blase ihn rauschend zur Seite, um die Augen freizuhalten. Ein dicker Rauhreifring wächst um mein Gesicht, legt sich auf Schal und Wollmütze. Die Wimpern, anfangs ein weißer Rauhreifkranz, werden zu einer dicken Kette gefrorener Eisperlen. Ich atme die Luft ein. Glasklar; erfrischend, unendlich rein und trocken ... angenehm. [...]

©Reinhardt Wurzel, www.travel-service-asia.de/rbtranssib.htm

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